Auf dem Bethlehemkirchplatz in Berlin-Mitte stand mal eine Kirche. Gut 200 Jahre lang war das so. Bei einem Luftangriff wurde sie 1943 zerstört und 1963 sprengte man die kümmerlichen Überreste. Es schien für immer vorbei zu sein mit diesem Gebäude. Aber jetzt gibt es die Betlehemskirche wieder. In einer ganz neuen, ungewohnten Gestalt überrascht sie den nächtlichen Spaziergänger.
Der spanische Künstler Juan Garaizábal hat mit Hilfe von Stahlpfeilern und Rundbögen die Umrisse der Kirche nachgebildet. Ein 30 Meter hoher und 60 Tonnen schwerer Riese, der trotzdem auf Grund seiner Bauweise ganz zart daher kommt. Das sieht tagsüber schon ganz interessant, für manche sicher etwas rätselhaft aus. Aber erst in der Nacht! Da werden einzelne Segmente mit LED-Röhren beleuchtet. Der ganze Bethlehemkirchplatz ist in lilafarbenes Licht getaucht, bis dann um 23 Uhr automatisch der Strom abgedreht wird und die Kirche wieder im Dunkel verschwindet.
Juan Garaizábal ist als Künstler den leeren, verlassenen Räumen in den Städten auf der Spur. Überall dort, wo Kriege, Unglücke und andere Zerstörungen die einst dominierenden Bauwerke verschwinden ließen, rekonstruiert er sie mit Hilfe seiner Lichtskulpturen. Denn nicht nur Menschen, so seine Botschaft, haben eine endliche Geschichte, sondern oft genug auch unverrückbar und scheinbar für die Ewigkeit geschaffene Gebäude. “Memoria Urbana” nennt er diese Werkreihe, die unter anderem schon in London, Paris und New York zu sehen war. Die Berliner Variante soll bis Ende September stehen, dann wird sie wieder abgebaut. Schade, sie könnte doch eigentlich für immer bleiben.
Und ganz nebenbei lernt man bei dem Kunstwerk, worauf eine Kirche alles verzichten kann, wenn es sein muss – auf Mauern, Steine, Orgel, Glocke, Türe, Altar, Sitzbänke und manches mehr. Trotzdem fand dort schon eine Andacht statt. (Fotos: Baumer)



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