„Schau mir in die Augen“, sagt Friedrich Schiller

Friedrich Schiller (Anton Graff)

Friedrich Schiller (Anton Graff)

Ich bin ihm schon oft begegnet. Im Theater. In seinem Haus in Weimar. In seinen Büchern. Sogar an seinem Sarkophag stand ich. Und in Marbach habe ich seine Strümpfe gesehen. Aber so nahe war ich ihm trotzdem noch nie. Es lagen nur etwa zehn Zentimeter zwischen unseren Nasen.

Dieses Treffen mit Friedrich Schiller hatte ich in der Alten Nationalgalerie zu Berlin. In der Sonderausstellung mit Porträts des Malers Anton Graff. Er war so etwas wie der Andy Warhol der Aufklärung. Jeder, der prominent war zu seiner Zeit, der ließ sich von Anton Graff malen. Der Preußenkönig Friedrich II., ungeduldig wie immer, der Dichter Gotthold Ephraim Lessing, der Philosoph Johann Gottfried Herder. Und eben Schiller.

Graffs Schiller-Porträt ist das beste, über das wir verfügen. Einfach so daran vorbeigehen kann man eigentlich nicht.  Denn der intensive Blick fängt jeden ein. Die ausgeprägte Nase. Der kleine Mund. Die langen Haare Zwei, drei Minuten davor stehen, im Abstand von wenigen Zentimetern, und schon fängt man an, sich mit Schiller zu unterhalten.

Seltsam, dass Graff, den Schöpfer so vieler bekannter Porträts, heute selbst kaum jemand mehr kennt. Da waren andere – wie  gut 100 Jahre später Max Liebermann – deutlich erfolgreicher. Zu Lebzeiten des Schweizers war das anders. Fürsten und Primadonnen saßen ihm Modell. Es hieß, er blicke mit seiner Malerei tief in die Seele. Natürlich waren die Herrschaften auch damals schon so eitel wie heute. Herder erhielt etwas Rouge auf die Wangen, um nicht ganz so blass zu wirken.  Kleist kämmte die Haare in die Stirn.

Die Ausstellung zeigt 140 Porträts. Sonst nichts. Das ist ihre große Stärke. Der Besucher schreitet die Ahnengalerie der bürgerlichen Vernunft ab, bleibt hier stehen und lässt sich fesseln, geht dort schnell weiter. Entscheidend ist dabei nicht immer, wie bekannt einer war. Manch ein(e) längst Vergessene(r) nimmt Kontakt zu uns auf, zum Beispiel Sophie Gabain (Kaufmannsgattin aus Leipzig / unten). Und der Künstler selbst (unten).

Die Ausstellung, kuratiert von Birgit Verwiebe, dauert bis 23. Februar 2014.