Ton und Kirschen: So ungefähr muss Theater einmal angefangen haben

Was ist nötig, um gutes Theater machen zu können? Die Frage wird ja mal erlaubt sein. Jedenfalls braucht man nicht zwingend einen Herrn Peymann, ein eigenes Haus mit Bühne und Schnürboden, einen Millionenetat. So schön es ist, diese wirklich großen Inszenierungen zu sehen und so nötig das selbstredend auch für unsere Kultur ist, so erfrischend kann es im Gegenzug sein, …

… einer Low-Budget-Truppe zuzusehen, die mit ein paar Requisiten, einem kleinen Wohnwagen und häufig nur angedeuteten Kostümen auskommt. Solch eine Truppe ist „Ton und Kirschen“, die das ganze Jahr über von Spielort zu Spielort reist (momentan: Ufa-Fabrik Berlin) und sich neuerdings Bertolt Brechts kaum bekannter Bearbeitung des Märchens vom „Hans im Glück“ angenommen hat. Dieser Hans ist allerdings einer, dem der Zuschauer, auf die Bühne springend, am liebsten selber in die Puschen helfen würde. Denn er ist himmelschreiend naiv.

Er lässt sich seine Frau ausspannen, seinen Bauernhof abschwatzen, zuletzt sogar noch seine Gans als einzig übrig gebliebenes Eigentum klauen. Einfach, weil er an das Gute im Menschen glaubt. Da hat ihn jemand gerade eben brutal hereingelegt und er hält ihn immer noch für seinen Freund. Bis er am Ende, ihm ist rein gar nichts mehr geblieben, verhungert.

Ton und Kirschen braucht für seinen Bilderbogen vom Hans im Glück weniger als zehn Mitwirkende, die in verschiedene Rollen schlüpfen und zusammen als Musiker sogar noch eine respektable Band abgeben. Ein internationales Ensemble, bei dem es eher eine Bereicherung denn störend ist, dass immer wieder der Akzent durchkommt. Die Rollen werden schattenrissartig gegeben, wie es sich beim Märchen eben gehört. Faszinierend, wie aus wenigen Gegenständen ein bezauberndes Bühnenbild werden kann. Ein Masten und wenige Leuchtketten, fertig ist der Zirkus. Ein paar Holzplanken zusammengestellt, schon steht die Stube im Bauernhaus. So muss Theater mal angefangen haben – mit einer reisenden Truppe, die in aller Eile ihren Spielort selber aufbaut, die den Betrachter aber schon mit Betreten der Bühne in ihrem Bann zieht und bis zum Ende nicht mehr los lässt.

Mitwirkende: Margarete Biereye, Polina Borissova, Regis Gergouin, Richard Henschel, David Johnston, Rob Wyn Jones, Nelson Leon, Daisy Watkiss, Catherine Launay