„König der Linken“ statt „König der Löwen“. Eine Herbert-Marcuse-Musikperformance.

Gibt es eine verrücktere Idee als die, ein knapp 300 Seiten starkes philosophisches Werk zum Gegenstand eines Konzert- und Performanceabends zu machen? Ein Buch, das schwer zu lesen ist und bisher gewiss noch nie von jemandem zur Grundlage von Songtexten gemacht wurde… Wohl kaum. Aber trotzdem ist Herbert Marcuses „Der eindimensionale Mensch“ zu dieser Ehre gekommen.

Vor 50 Jahren ist dieser Text erschienen, zunächst in englischer Sprache. Er wurde schnell zu einer der wichtigsten Grundlagen der Kapitalismuskritik und ist das bis heute geblieben. Selbst viele, die den „eindimensionalen Menschen“ nie gelesen haben, beziehen sich indirekt auf diese „Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft“, so der Untertitel.

Zwei kürzere Textauszüge, damit der  Leser sich etwa vorstellen kann, wovon die Rede ist: „Wir leben und sterben rational und produktiv. Wir wissen, daß Zerstörung der Preis des Fortschritts ist wie der Tod der Preis des Lebens, daß Versagung und Mühe die Vorbedingungen für Genuß und Freude sind, daß die Geschäfte weiter gehen müssen und die Alternativen utopisch sind. Diese Ideologie gehört zum bestehenden Gesellschaftsapparat; sie ist für sein beständiges Funktionieren erforderlich und Teil seiner Rationalität.“ – „Die kritische Funktion der Phantasie liegt in ihrer Weigerung, die vom Realitätsprinzip verhängten Beschränkungen des Glücks und der Freiheit als endgültig hinzunehmen, in ihrer Weigerung, zu vergessen, was sein könnte.“

Der Publizist Thomas Ebermann (Mitgründer der Grünen, später deren Fraktionssprecher im Bundestag), der Schauspieler und Sänger Robert Stadlober („Crazy“, „Sonnenallee) und der Musiker Andreas Spechtl haben mit Kristof Schreuf, der bei der Tournee nicht dabei ist,  ein neues Genre für ihre Performance erfunden: das Konzert-Theater. Und, was soll man sagen, es funktioniert. Zumindest teilweise.

Die Mischung aus Thomas Ebermanns kommentierenden Einwürfen über Marcuse und die Linke, die Einblendung von Filmschnipseln aus den 60ern und 70ern, die kurzen Lesungen von Interviewauszügen, die Vertonung von Marcuses Schlüsselbegriffen in Form von Songs, unterstützt von waberndem Nebel. Das alles wirkt authentisch. Zumal die Akteure, so weit bekannt, tatsächlich politisch sehr weit links stehen und für sie Marcuse tatsächlich ein Ideengeber zu sein scheint. Robert Stadlober hat sich mit krassen linken Äußerungen schon ziemlichen Ärger zugezogen. Und Thomas Ebermann wäre den heutigen Mainstream-Grünen viel zu weit links, um ihn in ein Spitzenamt der Partei zu wählen. Da haben sich die Richtigen gefunden.

Die Daten der Tournee „Der eindimensionale Mensch wird 50“ finden Sie hier.