Goethe. Wilson. Grönemeyer.

Mehr geht nicht. Vier Stunden Goethe an einem Abend. Faust I und Faust II nacheinander. Das hat Wagner´sche Dimensionen. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich Regie-Legende Bob Wilson nach Shakespeare, Büchner und Brecht auch an Deutschlands Nationaldichter wagen würde. Und dazu holte er sich für die Musik der Einfachkeit halber gleich Deutschlands Nationalsänger Herbert Grönemeyer.

Drei Stars also. Wilson. Goethe. Grönemeyer. Das muss ja was werden. Muss das was werden? Die Zuschauer am Berliner Ensemble sahen es fast alle so. Sie klatschten frenetisch, sie jubelten. Erst recht, als dann Herbert Grönemeyer beim Schlussapplaus selber auf die Bühne kam und mitsang. Ein wenig vom neuerdings in der Hauptstadt so verhassten Eventbudencharakter hatte das natürlich schon. Auch wenn es Intendant Claus Peymann wohl nicht wahrhaben will.

Das Drama von Doktor Faust wird in den vier Stunden auf die gewohnte Wilson´sche Art dekonstruiert. Die Schauspieler zappeln in abgehackten Bewegungen über die Bühne. Einzelne Rollen werden gerne mal multipliziert. So gibt es hier gleich fünf Mal den Heinrich Faust und drei Mal das Gretchen, was erstens die Pärchenbildung erschwert und zweitens den Zuschauer anfangs etwas irritiert. Ja, und natürlich tragen die Schauspieler meistens Handschuhe und sprechen auffallend oft mit einer Falsettstimme.

Bei Shakespeares Sonetten, die ja eine gewisse Musikalität von Anfang an schon mitbringen, ist das bisher am besten aufgegangen. Auch bei der „Dreigroschenoper“ war es so. Bei „Faust“ wird der Text durch die Art der Darbietung manchmal schon sehr auseinander gerissen. Da obsiegt dann das Musik- über das Sprechtheater und schwierige Monologe werden weggesungen anstatt, wie es sich für Schauspieler eigentlich gehört, mit der bloßen Stimmgewalt vorgetragen zu werden. Christopher Nell, der Mephisto, kann sich noch am ehesten vom Musikteppich abheben und klassische Sprechtheaterqualität beweisen.

Soll man hingehen? Wer vier Stunden sitzen kann und das Prinzip Wilson vielleicht noch nicht allzu oft erlebt hat, dem ist das durchaus zu empfehlen. Wilsonianer älteren Semesters können dann immerhin noch ihre Déjà-vu-Erlebnisse austauschen und darüber streiten, bei welcher Inszenierung in der Vergangenheit dem Meister welcher Effekt am besten gelungen ist.

Regie, Bühne und Lichtkonzept: Robert Wilson, Musik und Lieder: Herbert Grönemeyer,Textfassung: Jutta Ferbers. Darstellert: Antonia Bill, Christina Drechsler, Anna von Haebler, Dorothee Neff, Friederike Nölting, Theresa Riess, Laura Tratnik, Raphael Dwinger, Lukas Gabriel, Matthias Mosbach, Christopher Nell, Luca Schaub, Marvin Schulze, Joshua Seelenbinder, Samuel Simon, Fabian Stromberger, Felix Tittel, Nicolaas van Diepen, Alexander Wanat. Kostüme: Jacques Reynaud. Orchester: Stefan Rager (Percussion, Computer), Hans-Jörn Brandenburg (Elektronisches Klavier, Computer), Joe Bauer (Klänge, Geräusche), Michael Haves (Synthesizer, Bass, Gitarre), Ilzoo Park (Violine), Sophiemarie Yeungchie Won (Violine), Min Gwan Kim (Viola),
Hoon Sun Chae (Violoncello)