Alice im Wunderland …ähhh… im Karstadt am Hermannplatz/Neukölln

Ich hätte das niemals vermutet, aber ein Kaufhaus ist im Keller wesentlich interessanter als in den Stockwerken darüber. Das weiß ich, seitdem ich 80 Minuten lang quer durch den Karstadt am Hermannplatz in Berlin-Neukölln spaziert bin. 

Ich lernte die Reparaturwerkstatt für Schaufensterpuppen kennen und weiß jetzt, wo die Weihnachtsdeko gelagert wird, wenn gerade nicht Weihnachten ist. In erster Linie aber habe ich bei meinem (geführten) Gang durch Keller, Mode- und Sportabteilung, Restaurant und Buchhandlung etwas anderes gesehen: eine Inszenierung von Alice im Wunderland. Eine Performance, wie es das Künstlerkollektiv MS Schrittmacher selbst nennt. Wie das geht? Man trifft sich in Kleingruppen von 25 Menschen am U-Bahnausgang Hermannplatz und wird dann von einer netten Reiseleiterin in Orange durch alle Stockwerke des Hauses (des größten Karstadt von Berlin) geführt. Im Lastenaufzug erlebt man aus etwa 20 Zentimetern Entfernung eine Panikattacke von Alice hautnah mit, in der Fernsehabteilung wird man mit einer albernen Werbeshow konfrontiert (auf etwa 50 Bildschirmen gleichzeitig)  und in der Modeabteilung kommt es zu hitzigen Degengefechten.

Es ist eine zwar nahe liegende, aber trotzdem ausgezeichnete Idee, unser Kaufhaus als das heute einzig relevante Wunderland zu betrachten. Denn hier lassen sich ja alle unsere Träume erfüllen. Alice jedenfalls kauft ein, bis sie die Tüten kaum noch schleppen kann. Und ich selbst habe mich beim Hinterherlaufen nur mit Mühe davon abhalten können, das eine oder andere Schnäppchen näher anzusehen.

Zu den reizvollsten Erfahrungen beim Besuch von Alice im Wunderland …äh… Karstadt Neukölln gehört das Aufeinandertreffen mit den normalen Kaufhausbesuchern. Wenn Alice schreit, weil sie vom Kaufhausdetektiv festgehalten wird, dann wissen viele nicht, ob das nun Spiel oder Wirklichkeit ist. Manche schließen sich der Performance-Prozession ein, zwei Stationen an und gehen dann wieder weg. Andere sind einfach nur genervt, weil der Einkauf nicht im üblichen Stil stattfinden kann und durch einen überdimensionalen Hasen oder eine biestige Königin gestört wird.

Konzept, Choreographie, Regie: Martin Stiefermann, Künstlerische Mitarbeit: Efrat Stempler, Text: Hartmut Schrewe, Musik: Sir Henry, Mit: Antje Rose, Effi Rabsilber, Angelika Thiele, Gunnar Blume, Armin Dallapiccola, Jorge Morro, Nicky Vanoppen
und Jessica Kammerer–Georg, Karla Mendoza, Leonie Pfitzer, Anisa Häuslein, Inga Klemme

 

HIER DER LINK ZU DEN VORSTELLUNGEN 2013 IM FORUM STEGLITZ

Ein Kommentar zu “Alice im Wunderland …ähhh… im Karstadt am Hermannplatz/Neukölln

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